VOKUHILA, DORIAN GRAY UND DIE PARTEIEN

In Charlottenburg musst du top aussehen. Im Bezirk, nach dem Hilde Knef Heimweh hatte, ist Glamour Pflicht. In Mitte kannst du unrasiert im Anorak mit einer Flasche Sternburg Pilsener in der Volksbühne rumlümmeln. In Turnschuhen, sogar mit Mitte Fünfzig. In die Deutsche Oper lassen sie dich so nicht rein, in Charlottenburg trägst du glänzende Lackschuhe wie einst Harald Juhnke, das Hemd ist gebügelt und die Frisur sitzt. Hier gibt es mehr Beauty-Salons als Spätis. Im Hotelflur ist ein großer Spiegel. Deutlich gibt er mir zu verstehen, dass ich mich vernachlässige. 

Kurz darauf schaue in einen anderen Spiegel, hinter und neben mir arbeiten drei Expertinnen eifrig an meinem Kopf. In Schürzen, mit Mundschutz und Handschuhen, Pinsel, Spachtel und Tiegel in den Händen. In meinem Haar baumelt goldene Alufolie. 

Claire Lachky ist die Chefin des Friseursalons „Vokuhila“ in der Kastanienallee. Der Name ist ironische Reminiszenz an eine Zeit, in der männliche Repräsentanten der weniger gebildeten Klasse das Haar vorne kurz und hinten lang trugen. Ganz unironisch werkt Claire mit ihren Mitarbeiterinnen an der Geschichtsfälschung auf meinem Kopf. 

Sie sorgt dafür, dass meine natürliche Haarfarbe nicht im Privatbesitz der Erinnerung bleibt, sondern dank restauratorischer Handwerkskunst der Wirklichkeit erhalten bleibt. 

Mit Alufolie im Haar erhaben zu wirken ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben in der zweiten Lebenshälfte eines Flaneurs. 

Sie sollte ihren Salon nicht nach dem peinlichen 80-er-Jahre-Haarschnitt benennen, sondern besser nach Oscar Wildes „Bildnis des Dorian Gray“! Da altert nämlich ein auf dem Dachboden verstecktes Gemälde anstelle des sehr eitlen Protagonisten. Ich mache den von der Realität vorgeschlagenen Wandel auch nicht mit! 

Die Damen müssen schuften, um den Verfall zu bremsen: das weiße Haar reagiert anders auf Pigmente als das schwarze. Einzelne Strähnen werden mühsam und akkurat in Goldfolie gewickelt, das Mischen der Farben ist eine Wissenschaft. Früher war der Friseurbesuch eine Kleinigkeit: Haareschneiden, 20 Minuten, 12 Mark. Zack fertig. Heute verbringe ich einmal im Monat einen halben Arbeitstag mit Claire und zahle dreistellig. 

Ich schmeiße mein durch Konzerte und Kompositionsaufträge verdientes Geld eben sofort wieder raus und investiere es in berufsbegleitende Maßnahmen: Herstellung der Photographierbarkeit und Erhalt der Glaubwürdigkeit als Projektionsfläche romantischer Phantasien durch kosmetische Dienstleistungen. 

Wer anhand meiner Friseur-Rechnung auf mein Einkommen schlösse, verortete mich wahrscheinlich als Knecht des Höchststeuersatzes in der Nähe der nach Verordnungsfreiheit strebenden FDP. Und das ein paar hundert Meter vom Rosa-Luxemburg-Platz und der Bundesgeschäftsstelle der Linke entfernt, die Millionären nur ein Viertel ihres Einkommens lassen will. Da bleibt vom Mindestlohn, den die SPD großzügig anheben will, auch nicht viel über. Wenn man sich erstmal hochgearbeitet hat und zu Wohlstand gekommen ist, was die CDU begünstigen will, solange man verheiratet ist.Wenn die AfD etwas zu sagen hat, rezitieren Ehepaare der klassischen Art Verse, zum Beispiel von Eichendorff. Diese Partei möchte nämlich so gerne deutsche Gedichte lernen, dass sie ihren kulturellen Nachholbedarf gleich für alle ins Gesetzbuch schreiben will. Das nur zur Orientierung, falls jemand auf gar keinen Fall Grün wählen will. Ich empfehle AfD-Politikern als Symbol ihres Bildungswunsches die parteiübergreifende Vokuhilafrisur, dann weiß man, wem man mit Poesie begegnen muss. Verzeih mir, Claire. 

Nachtrag: Ein Gespräch mit der Meisterfriseurin bringt eine überraschende Tatsache hervor: der historische Vokuhilahaarschnitt erlebt derzeit unter jungen Akademikern in Berlin-Mitte eine gehörige Renaissance und verliert den Status des Symbols für Bildungsferne. Vor diesem Hintergrund erweist sich mein oben genannter Vorschlag als ungeeignet. Stattdessen rate ich zu einem im Brustbeutel mit Sichtfenster offen getragenen Bibliotheksausweis.

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